PlenarvortragProf. Dr. Heiko Schulz/Essen
Genügt die Hoffnung? Über Aids als Problem der theologischen Ethik

Auf der Basis einer knappen Phänomenologie ´moralischer Probleme´ versucht der Vortrag zunächst zu präzisieren, inwiefern der Problemkomplex AIDS / HIV nicht nur eine medizinische, soziale, politische, rechtliche und ökonomische, sondern auch eine irreduzibel ethische Dimension besitzt. Anschließend wird die Frage erörtert, ob und inwieweit eine genuin theologische Perspektive zu einem mindestens in ethischer Hinsicht differenzierteren und umfassenderen Verständnis der Immunkrankheit beitragen kann. Die Frage wird verneint – verbunden mit dem Hinweis, dass der einschlägige (und durchaus Erkenntnis erweiternde) Beitrag theologischer Reflexion immerhin, wenn auch allenfalls die metaphysischen Voraussetzungen ethischer und / oder moralischer Urteilsbildung als solcher betrifft und betreffen kann. Diese Voraussetzungen werden im letzten Abschnitt im Blick auf ihre genuin eschatologischen Implikationen hin zugespitzt, und zwar am Leitfaden der Frage nach dem Verhältnis von Hoffen und Handeln. Danach besteht erstens die Eigentümlichkeit der Hoffnung in ethischer Hinsicht darin, dass sie moralische Verantwortung freisetzt bzw. hinreichend bedingt: Jeder, wenn auch nicht zwangsläufig nur derjenige, der hofft, hat und übernimmt Verantwortung. Zweitens und epistemisch gesehen steht Hoffnung im Unterschied zum Glauben für ihre eigene Berechtigung ein. Drittens und genetisch betrachtet bietet der christliche Glaube hinreichende Gründe zu hoffen – auch und nicht zuletzt auf den endgültigen Sieg über AIDS und / oder HIV."
Prof. Dr. Heiko Schulz
ist Ordinarius für Systematische Theologie an der Universität Duisburg-Essen
Zur Website

Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt/Gießen
Hoffnung als Ausdruck der eschatologischen Existenz des Menschen. Einsichten theologischer Ethik

Der Mensch als das "weltoffene Wesen" ist in dieser seiner Eigenschaft als handlungsfähig und als auf Zukunft ausgerichtet charakterisiert. Handlungen als solche sind Antizipationen der Zukunft. An die Zukunft zu denken und in der Zukunft zu leben ist ein notwendiger Teil der Natur des Menschen. Was aber, wenn die Zukunft für den Menschen schwindet? Der Verlust von Zukunft, der unser Leben begleitet, wird damit zur drohenden Bewältigungsaufgabe.
Es ist die Zeit, die ins Leben fällt wenn der Boden unter unseren Füßen zu wanken beginnt. Das gilt für jeden Menschen, wird aber besonders bedrohlich im Alter und bei schwerer Krankheit, insbesondere angesichts des nahen Todes. Nun ist es das christliche Verständnis von Hoffnung, dass sich gerade angesichts des Todes bewähren muss. Die Krankheit zum Tode ist nach der christlichen Auffassung jedoch nicht ein körperliches Gebrechen, nicht der irdische Tod, sondern die Hoffnungslosigkeit. Die Lebendigkeit des Lebens liegt in der Hoffnung und wird durch sie lebendig gehalten. Mit dem Gedanken an die Zukunft wird denn auch nicht in erster Linie das drohende Ende, sondern Hoffnung verbunden. Zukunft verbindet sich mit Zuversicht und Vertrauen. Für die Hoffnung liegt in der Zukunft damit eine Verheißung. Gerade diese Verheißung hält nun aber die Gegenwart in gespannter Erwartung. Diese Verheißung macht die Lebendigkeit der Gegenwart aus und bestimmt die Handlungsfähigkeit des Menschen. Diese Gegenwart als Lebendigkeit angesichts der Zuversicht und des Vertrauens, ihr Erleben, ist damit eine Bejahung unserer zeitlichen Daseinsform. Genau diese "zeitliche" Hoffnung kennzeichnet die symbolische Kraft des Menschen über die Grenzen seiner endlichen Existenz hinaus.
Mit der Zukunft wird Hoffnung verbunden für die gegenwärtige Existenz. Das christliche Verständnis von Zukunft zielt darauf, dass das, was aussteht nicht das Ende, sondern Erfüllung und Vollendung ist. Die Zukunftsausrichtung des Daseins meint dann aber nicht zuerst eine Ausrichtung auf das Jenseits. Gerade das hält der Begriff der Eschatologie fest. Eschatologisch verstanden liegt die Bewältigung des Lebens in der Erfassung der Zeitlichkeit des Daseins in diesem Vollsinne der Zentrierung der Zeit in der Gegenwart. Damit ist die eschatologische Existenz diejenige, die keine Angst vor der Zukunft und keine Angst vor dem Verlust der Zukunft hat, weil die diachrone Linearität der Zeit als synchrone Vertikalität verstanden werden kann. Das aber heißt: qualifizierte Gegenwart entsteht christlich verstanden dadurch, dass die Zeit aus der Fülle der Ewigkeit jetzt schöpfen kann. Nur so gewinnen wir Vertrauen ins Dasein und damit die Freiheit, unser gegenwärtiges Sosein in allen Defizienzen zu akzeptieren, ebenso wie angesichts unserer Endlichkeit zu handeln.
Das Handeln im Sinne der Gestaltung eines gelingenden Lebens ist insofern aufs engste geknüpft an eine eschatologische Distanznahme zu unseren vordergründigen Bedürfnissen, die uns daran hindern, das Leben aus seiner Ganzheit und Zielbestimmung zu verstehen. Vor diesem Hintergrund wäre es die eschatologisch verstandene Hoffnung, die der Ethik allererst zu ihrer zentralen Kerngestalt, der Thematisierung der Freiheit, verhelfen kann. Hoffnung ist der Ausdruck der eschatologischen Seinsbestimmung des Menschen. Darum hat die Hoffnung nichts mit einem "Vertrösten" zu tun, sie ist vielmehr Bedingung der Möglichkeit menschlichen Seins und freien Handelns.
Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt
ist Professorin für Systematische Philosophie (Institut für Evangelische Theologie) am Fachbereich Kultur- und Gesellschaftswissenschaften der Justus-Liebig-Universität Gießen
Zur Website

Programm

Plenarvortrag
"Genügt die Hoffnung? Über Aids als Problem der theologischen Ethik"
Prof. Dr. Heiko Schulz

Casino 823 - Festsaal
Sa, 21.06. 9:45-10:30 Uhr

Vortrag mit Podiumsdiskussion
"Hoffnung als Ausdruck der eschatologischen Existenz
des Menschen. Einsichten theologischer Ethik"
Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt

Moderation:
PD Dr. Gesche Linde
Podium:
Prof. Dr. Heiko Schulz; Dorothea Strauß

Casino 1.801
Sa, 21.06. 11:00-12:30 Uhr