Eröffnungsvortrag — Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin/München

Die Freiheit des Einzelnen und das Interesse der Gesellschaft

Das Auftreten von HIV/AIDS hat von Anbeginn die Frage aufgeworfen, welche moralischen Rechte und Pflichten tangiert sind. Zu Beginn wurden Erwägungen angestellt die die individuelle Freiheit des Einzelnen, tatsächlich oder potentiell Betroffenen, massiv eingeschränkt hätte. Unterdessen ist der Umgang mit dieser Krankheit rationaler geworden, ohne dass die aufgeworfenen ethischen Fragen und ihre Implikationen für das individuelle Selbstbestimmungsrecht und die Sexualmoral irrelevant geworden wären. Der Vortrag soll zur ethischen Orientierung in dieser Debatte einen Beitrag leisten.
Die moderne Gesellschaft und die Demokratie als die ihr angemessene Staatsform beruhen auf einem Ethos, das individuelle Freiheit mit gleicher Anerkennung (gleicher Würde) verbindet. Das Kollektivinteresse der Gesellschaft oder auch einzelner kultureller Gemeinschaften erlaubt im Rahmen dieses Ethos nicht die individuellen Rechte und Freiheiten Einzelner, ihre autonome Lebensgestaltung, einzuschränken. Dennoch ist unsere Gesellschafts- und Staatsordnung nicht libertär, d.h. die individuellen Rechte und Freiheiten bilden nicht den einzigen Maßstab der Bewertung. Ohne Gemeinwohlorientierung und Kooperationsbereitschaft wäre auch die moderne liberale Demokratie als Staats- und Gesellschaftsform nicht lebensfähig. Daraus erwächst ein Spannungsverhältnis zwischen individuellen Freiheiten und Gemeinwohlinteressen. Der Vortrag wird die begrifflichen und ethischen Grundlagen dieses Spannungsverhältnisses herausarbeiten, unterschiedliche ethische Theorieansätze zur Auflösung dieses Spannungsverhältnisses präsentieren und einen eigenen – kohärentistischen – Standpunkt skizzieren.

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin
ist Ordinarius für Politische Theorie und Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München
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