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Plenarvortrag Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Rita Süßmuth/Berlin |
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Gender und Aids
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Rita Süßmuth
ist Bundestagspräsidentin a.D.
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Prof. Dr. Dr. h.c. Otfried Höffe/Tübingen |
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Warum ist Diskriminierung ungerecht?
Warum ist Diskriminierung ungerecht?
Ein Moralphilosoph ist kein Moralist, der über die schlechten Zeitläufe klagt und der Gesellschaft mangelnde Verantwortung vorwirft. Er tritt auch nicht in die Arena einer Anti-Diskriminierungs-Politik. Er steckt aber die Arena, also den gedanklichen Rahmen, ab.
Da ernsthaftes Philosophieren erfahrungsgesättigt ist, beginne ich mit einem Beispiel. Bei einer komplizierten Operation infiziert sich ein befreundeter Arzt mit dem Blut des Patienten und erfährt später, daß der Patient HIV-infiziert war. Nach dem Versuch, daraus vorläufige Lehren zuziehen, gehe ich auf folgende Fragen ein:
(1) Was verstehen wir unter "Diskriminierung"? Wörtlich bedeutet der Ausdruck neutral die Unterscheidung; die Moralphilosophie und politische Ethik versteht darunter die rechtliche Benachteiligung, politische Unterdrückung oder feindselige Behandlung von anderen, meist einer Minderheit durch eine Mehrheit. (2) Welche Arten von Diskriminierung sind in Geschichte und Gegenwart besonders verbreitet? Es sind religiöse, ethnische ("rassische"), politische, soziale und kulturelle sowie geschlechtliche Ungleichbehandlungen. (3) Wie rechtfertigt man gelegentlich die Diskriminierung= - (4) Wie rechtfertigt sich die Kritik an und der Kampf gegen sie? Die Diskriminierung verletzt Verbindlichkeiten, die die Menschen sich gegenseitig schulden. Sie verstößt gegen die Elementarmoral, die Rechtsmoral bzw. Gerechtigkeit, nicht erst gegen eine verdienstliche Moral, gegen die Tugendmoral der Wohltätigkeit. Die Diskriminierung verletzt sowohl Grundrechte als auch sittliche Grundforderungen von Humanität und Toleranz. (5) Inwieweit fällt eine Diskriminierung von HIV-Infizierten oder Aids-Kranken unter das allgemeine Diskriminierungsverbot? Inwieweit gibt es Unterschiede? Die Religion oder Konfession, die Sprache, Hautfarbe usw. gehören häufig zu jenem inneren Kern der Persönlichkeit, den man nicht aufgeben will und deren Achtung die Mitmenschen einem schulden. Die HIV-Infektion kann, vor allem wenn sie als Krankheit ausbricht, die Persönlichkeit tief treffen. In der Regel ist man aber lieber nicht infiziert, will sich daher vor der Infektion lieber schützen. Und es gibt Möglichkeiten von Schutz und Vorsorge, allerdings nur in Grenzen (vgl. Vergewaltigung, infizierte Blutkonserven
) (6) Was gebietet das Anti-Diskriminierungsverbot im Blick auf HIV-Infizierte und Aids-Kranke innerhalb eines demokratischen Rechtsstaates mit öffentlichem Gesundheitswesen, (7) was gebietet es im weltweiten "Kampf" gegen HIV-Infektion und Aids? Eine schwierige Balance zwischen Aufklärung, Hinweis auf (partielle) Eigenverantwortung, nicht infiziert zu werden und vorbehaltloser Hilfe der Betroffenen sowie deren Verantwortung im Umgang mit anderen.
Prof. Dr. Dr. h.c. Otfried Höffe
ist Professor für Philosophie an der Eberhard Karls Universität Tübingen
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