Plenarvortrag — Prof. Dr. Rafael Capurro/Stuttgart
Fremddarstellung – Selbstdarstellung. Über Grenzen der Medialisierung menschlichen Leidens

Fremddarstellung menschlichen Leidens durch die Massenmedien scheint im Gegensatz zu den Möglichkeiten der Selbstdarstellung im Internet zu stehen. Diese Gegenüberstellung ist inzwischen aufgrund der Konvergenz der Medien fragwürdig. Dennoch unterscheidet sich die heutige mediale Situation von der weitegehend fremdbestimmten medialen Konstruktion menschlichen Leidens durch die Massenmedien im 20. Jahrhundert. Das wirft neue Fragen nach ethischen Grenzen der Medialisierung insbesondere mit bezug auf HIV/AIDS auf. Der Beitrag setzt sich mit diesen Fragen insbesondere mit Bezug auf Autonomie, Privatheit, Meinungspluralismus, Stigmatisierung und Aufklärung aus der Sicht von Medien, Botschaften und Rezipienten/Sendern in ihrer Wechselwirkung
auseinander.
Prof. Dr. Rafael Capurro
ist Professor an der Fakultät für Information und Kommunikation der Hochschule der Medien in Stuttgart
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PD Dr. Klaus Wiegerling/Stuttgart
Tabu und Notwendigkeit: das Dilemma Aids zu zeigen

Eines der großen Themen unserer Zeit ist nicht zuletzt aufgrund medialer Entwicklungen die Transformation und Auflösung von Privatheits- und Intimitätsvorstellungen. Gibt es noch Tabus in scheinbar tabulosen Zeiten?
Eines dieser Tabus scheint nach wie vor – trotz einer Reihe filmischer Versuche – Tod und Sterben zu sein. Bei Tod und Sterben, vor allem bei seiner dokumentarischen Aufbereitung, ist schnell eine Grenze erreicht, an der Aufklärung in Voyeurismus umschlägt. Die Irritation, die vom Endgültigen und Unwiederholbaren ausgeht, verhindert häufig, trotz aller Gaffgier, Tod und Sterben ins Bild zu setzen, d.h. auch zu inszenieren. Der Grund dieser Zeighemmung liegt nicht zuletzt darin, dass sich genau das, was gezeigt werden soll, einer Visualisierung entzieht. Gibt es die Möglichkeit einer Inszenierung von Sterben und Tod? Als besonderes und verstärkendes Problem zeigt sich der Umgang mit einer nach wie vor tödlichen Krankheit wie AIDS, wenn diese im Kontext von Sünde, abweichendem Verhalten und Verschulden des Erkrankten gesehen wird.
Kultur artikuliert sich nicht nur in ihrer Widerstands- und Integrationsfähigkeit, sondern auch darin, dass sie Sphären bestimmt, die merkantilen, aber auch öffentlichen Zugriffen verschlossen bleiben. Insofern ist Tabuisierung nicht notwendigerweise ein Merkmal der Verdrängung, Machtsicherung, Hilflosigkeit und Unaufrichtigkeit. Tabuisierung kann grundsätzlich auch eine Schutzfunktion für das Individuum haben.
Aus der Sicht des Künstlers, aber auch des Dokumentars ergibt sich ein besonderes Dilemma zwischen der Notwendigkeit der Darstellung eines verdrängten Themas und der Notwendigkeit eines Tabus, das dem Schutz der Würde des erkrankten bzw. sterbenden Menschen dienen kann. Claude Lanzmann hat in seiner mehrstündigen Dokumentation "Shoa" dieses Dilemma zu fassen versucht, indem er sich entschied das zu zeigende, aber letztlich nicht zeigbare, nur in seiner Wirkung auf die Hinterbliebenen und Augenzeugen zu präsentieren.
Im Falle von AIDS haben wir es zudem mit einer Krankheit zu tun, die in anderen Hemisphären den Charakter einer Epidemie hat, die jeden treffen kann. Es gibt dort eine Allgegenwart der Krankheit. Eine ausdrückliche Fokussierung des Themas erübrigt sich in diesen Gesellschaften. Anders als hierzulande ist AIDS dort weit mehr als ein individuelles Schicksal: Die Gesellschaften sind tatsächlich in ihrer Substanz bedroht, das heißt ihre gesamte Organisation und ihr Wertgefüge ist gefährdet.
Angesichts dieser Sachverhalte will der Vortrag zwei grundsätzliche Fragen erörtern: 1) Wozu soll AIDS gezeigt werden? 2) Was kann überhaupt gezeigt werden, wenn beansprucht wird, AIDS zu zeigen?
PD Dr. Klaus Wiegerling
ist Privatdozent an der Universität Stuttgart und Mitarbeiter am Sonderforschungsprojekt "Nexus" im Institut für Technikphilosophie und Wissenschaftstheorie der Universität Stuttgart
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Programm

Plenarvortrag
"Fremddarstellung – Selbstdarstellung. Über Grenzen der Medialisierung menschlichen Leidens"
Prof. Dr. Rafael Capurro

Casino 823 - Festsaal
Do, 19.06. 15:45-16:30 Uhr

Vortrag mit Podiumsdiskussion
"Tabu und Notwendigkeit: das Dilemma Aids zu zeigen"
PD Dr. Klaus Wiegerling

Moderation:
Prof. Dr. Petra Grimm
Podium:
Prof. Dr. Rafael Capurro; N.N.

Casino 823 - Festsaal
Do, 19.06. 17:00-18:30 Uhr